9 Piss Off!!

Sie stieß ihn weg. „Stopp!...Hier!...Probier den mal. Sie hielt ihm einen ollen Bartschlüssel vor die Nase, den sie zwischen dem Putz und en Tapenresten rausgefingert hatte. Auf dem unteren Treppenabsatz hörten Sie Schlurfgeräusche und Stimmen… Schnell nahm er den Schlüssel, steckte ihn fast geräuschlos ins Schloss und drehte ihn herum. "Krrk!!!" machte das Schloß in dem gleichen Augenblick, indem einer der Polizisten wie ein nasser Sack auf den Boden fiel. Zum Glück! Der war von der morschen Treppe gerutscht.
„Mist, wa! Ick hasse ditte!“, fluchte der Mann. Tom und Pat quetschen sich eng aneinander an die Wand neben der Tür.

Er legte seinen Arm und ihre Schultern, sie krallte vor sich Aufregung in seinem Pulli fest und biss sich in den Zeigefinger der zur Faust geballten Hand. Dabei starrte sie ihn mit weit aufgerissenen Augen an, ein Moment, indem ihm alles so surreal und egal vorkam. Sie schien ohne Angst, offenbar verkniff sie sich sogar das Lachen. Das gefiel ihm, er konnte dem Ganzen auch durchaus was Humorvolles abgewinnen, und es war schön jemanden zu treffen, der diesen absurden Humor teilte. Seine Mundwinkel zuckten im Dunkeln.

Pat und Tom hielten den Atem als an der Tür gerüttelt wurde. Unter dem Schlitz erschienen Lichtkegeln von Taschenlampen. An der Klinke wurde gerappelt, und da sich die Tür nicht auf Anhieb öffnen ließ, versuchte ein Polizist mit der Schulter die Tür aufzustoßen. „Ne, wa! Die klemmt nüsch, die is’ zu. Da könn’ die nüsch ’rin sein!“ Funkgeräusche lieferten den Soundtrack für diese Situation. Dann gingen die Polizisten hoch zum Dachboden, der zugänglich war. Die große Eisentür stand sperrangelweit auf.

Sie atmeten erst wieder aus, als die Geräusche auf dem Dachboden zu hören waren, trauten sich aber noch nicht, sich zu bewegen. Der heisse Atem war in der kalten Luft zu sehen.
Tom führte seinen Mund zu ihrem Ohr und sprach leise: „Wenn wir hier unbeschadet rauskommen, will ich heut noch das Meer sehen. Das Meer im Winter so schön und einsam!“

Ewig lange Miunten später wurden sie durch erneutes Getrampel erlöst. Die Männer liefen eilig die Treppen wieder herunter, einer von ihnen gab die Meldung durch, ein Dachfenster sei geöffnet gewesen und die verdächtigen Individuen seien wohl von dort aus auf eines der Nachbargebäude geflohen. Von dort hatte man Zugang zu einem Block von ca. 30 Häusern, unmöglich die jetzt zu verfolgen. „Abziehen!“ schepperte der Einsatzleiter aus dem Gerät. „Wegen so’n paar verkifften Figuren müssen wir uns ja nicht noch vonne Dächer stürzen!“

„Ich muss echt pissen!“ sagte sie, und sprang mit den Augen um sich suchend auf. Neumond beleuchtete die Szenerie. „Gibt’s hier kein Klo?“ „Vermutlich ein Außenklo auf der halben Treppe!“
„Egal! Da geh ich jetzt nicht raus. Bei der Bude hier macht das jetzt auch nichts mehr“. Sie ging einige Schritte in einen dunkleren Bereich der Wohnung und verschwand hinter einem Wandvorsprung. Es raschelte und dann hörte er es plätschern. 'Pingelig war sie schon mal nicht!, dachte er. "Puh.. das war dringend" sagte sie als sie wieder hervorkam.
Tom hatte in der Zwischenzeit ein vermodertes Sofa an eines der Fenster geschoben. Von hier konnte man auf den mittlerweile leicht verschneiten Hof schauen. Am Horizont sah man schon einen rosafarbenen Streifen, der alles, zusammen mit dem milchigen Mondlicht, in eine fast romantische Stimmung tauchte. "Wir bleiben besser eine Weile hier.. bis sich da draussen alles beruhigt hat." sagte er. Sie setzte sich neben ihn, kramte ihren Tabak hervor und drehte routiniert eine Zigarette. Nach dem ersten Zug lehnte sie sich entspannt zurück, ließ sich in seinen Arm sinken, der auf der Sofalehne ruhte und lächelte ihn an.
"Ganz schön abgefahren, das alles." Sie betrachteten noch stumm eine Weile den Himmel und dann bemerkte er, daß sie eingeschlafen war. Die angerauchte Kippe nahm er ihr noch aus der Hand und drückte sie aus. Dann kam auch er zur Ruhe und nickte ebenfalls ein.

Sie wurden gleichzeitig durch das gleißende Sonnenlicht geweckt, das durch das Fenster genau auf das Sofa schien. "Morgen Frollein! Fit für frühstück und Kaffe?" fragte er grinsend.
"Klar.. das haben wir uns ja wohl verdient." Sie rieb sich die etwas verquollenen Augen und sprang dann voller Tatendrang auf.
"Und nach dem Kaffe ab ans Meer..oder hast du's dir anders Überlegt?".. sie schaute ihn herrausfordernd an. "Auf keinen Fall" entgegnete er "Ein Mann ein Wort..!".
Sie schaute sich in der abgewrackten Wohnung um. Die düstere Stimmung, die noch vor ein paar Stunden herrschte, war vollkommen verflogen. Alles war Sonnendurchflutet, wirkte fast freundlich, wenn nicht der ganze Müll rumgelegen hätte. Die Vorkommnisse der letzten Nacht kamen ihr Irreal vor. War das echt alles passiert?
Aber klar.. sonst wär sie ja nicht hier.. und auch noch mit ihm.
"Äh,...ich glaub der Kaffee ist alle,...schlage vor, wir gehen woanders was frühstücken. Komm, jetzt. Raus aus der Bruchbude. Hier waren wir schon viel zu lange." sagte Tom, während er den Schlüssel in der Tür rumdrehte, die dann mit einem Knarzen aufsprang.
Sie liefen die Treppen hinunter und angesichts des schönen Wetters und der Aussicht ans Meer zu fahren waren beide bester Laune.

Der Schnee der Nacht hatte sich schon weitgehends verflüchtigt und war einem eher grauen Matsch gewichen, wie das für Schnee so üblich war in Großstädten. Trotzdem konnte man im Hof noch die verwischten Spuren der Polizeistiefel erkennen.
"Mann, hatten wir ein Glück. Besser eine Nacht auf dem alten Sofa, als auf so 'ner beschissenen Wache," bemerkte er.

"Mein Wagen steht in der Nähe der Bar," sagte Pat. Sie gingen durch ein paar Strassen und nach einigen Minuten erreichten sie ihn. Tom fuhr, schließlich kannte er sich besser aus und wusste auch schon zu welchem Café sie fahren wollten.
Ein Laden in der Oranienstrasse.




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